Mali im Umbruch – listen to the people!

Dies ist das neue Mali-Tagebuch „Mali im Umbruch – listen to the people“, das im September 2012 beginnt.

Genau heute vor 7 Jahren, im September 2005 reiste ich das erste Mal mit dem Deutschen Entwicklungsdienst (ded) nach Mali aus. Das Tagebuch von 2005 bis 2012 findet sich weiterhin unter www.gabriele-riedl.de. Es war gekennzeichnet von den neuen Erfahrungen, die ich in dieser Zeit in Bandiagara, einem kleinen Städtchen im Dogonland, am Weltkulturerbe „Falaise de Bandiagara“ gelegen, machen durfte.

Kurz vor meiner Rückkehr nach Deutschland 2008 habe ich in Ouagadougou (Burkina Faso) meinen heutigen Mann, Hamidou Kassogué kennen gelernt. Wir haben im Februar 2009 religiös und im Januar 2010 nach malischem Recht im Rathaus von Bandiagara geheiratet. Da war unser Haus fast fertig. Die Endabnahme des Hauses war im Februar 2012. Im März war auch die Einrichtung fertig – wir hofften auf eine Fortsetzung des friedlichen, tätigen und gleichwohl ruhigen Lebens, das wir im November 2011 dort gemeinsam begonnen hatten.
Ich hatte das große Glück, dass ich zu dieser Zeit für die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) wieder eine Arbeit aufnehmen konnte – und zwar genau in Bandiagara, im dortigen Rathaus. Das war eine wirklich gute Zeit – leider war sie nur kurz.
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Vor der Ausreise 2011 habe ich immer gesagt: „Hoffentlich kriegen sie Ghaddafi bald, sonst macht mir dieser Krieg noch meinen Mali Aufenthalt kaputt.“ Hätte ich damals geahnt, wie sich das bewahrheiten würde …. Ghaddafi ist nicht mehr, aber die Folgen des Krieges gegen ihn haben nicht vor allem mich, sondern vor allem Mali und seine Bevölkerung kalt erwischt. Hätte mir damals jemand gesagt, was inzwischen passiert ist, ich hätte es nicht geglaubt. Und damit bin ich nicht allein. Selbst langjährige Sahara-Mali-KennerInnen sind bestürzt und erschüttert.

Am 21. März 2012 gab es hier in Mali einen Militärputsch. Hintergrund war nicht zu letzt die Unfähigkeit der malischen Regierung, die Probleme im Norden des Landes in den Griff zu bekommen. Heute weiß man, dass Präsident Toure (ATT) und seine Nomenklatur das Land nur durch Kooperation mit den dort operierenden Mafiabanden und den Geldern aus Lybien zusammen halten konnte. Auch war er offenbar in der Lage, die Geberländer über das wahre Ausmaß von Korruption und Vetternwirtschaft im Unklaren zu lassen. Demokratie als potemkinsches Dorf? Vielleicht aber auch verstärkter Rohstoffhunger von Geberseite, von China, Indien, den Schwellenländern?
Mit dem Ende des Lybien-Krieges kehrten zahlreiche Tuareg, die als Söldner dort gearbeitet hatten, nach Mali zurück. Statt wie in den Nachbarländern, die Grenzen strenger zu überwachen oder gar ganz dicht zu machen, ließ man sie – mitsamt ihren Waffen, ihrem Geld und ihrem nicht mehr vorhandenen Sozialverhalten, einreisen bzw. überwachte die Grenzen nicht in erforderlicher Weise. Im Gegenteil, eine Delegation von Ex-Ghaddafi Kämpfern wurde in Bamako empfangen und mit viel Geld wieder nach Norden geschickt. Verbunden mit der Bitte, sich doch wieder ins Land zu integrieren. Mag sein, dass das verfangen hätte, wenn es nicht überwiegend Leute gewesen wären, die in den letzten Jahren nur Kriegshandwerk verrichtet hatten. Solche, die vielleicht noch Reste von „Cousinage“ und Sozialverhalten hatten, es mag sie unter ihnen geben, konnten sich nicht durchsetzen. Stattdessen eilten sie ihren Brüdern, den Tuareg Rebellen, die schon seit 50 Jahren um eine Autonomie der Region kämpfen, zu Hilfe.
Diese hatten inzwischen noch andere Helfer gewonnen: AQMI, den mauretanischen Zweig von Al-Quaida, der nach einem neuen Operationsraum suchte – und natürlich die üblichen Banditen, die seit Jahrzehnten ihre üblen Geschäfte (Waffen, Drogen, Menschenhandel) in der Region betrieben haben. Sie fürchteten um ihre Pfründe, wenn sie nicht mehr mit ATT Absprachen treffen konnten.
Und so kam es, dass ca. 4 Wochen vor eigentlich anstehenden Wahlen, Mali, das afrikanische Musterland in Sachen Demokratie, wie ein Kartenhaus zusammen brach.

Zeugen des Geschehens versichern immer wieder, es sei eher Zufall gewesen, dass es einen Militärputsch gab.
Im Ergebnis sind derzeit 2/3 des malischen Staatsgebietes von Islamisten unterschiedlicher Herkunft, Banditen aller Art und Teilen der Tuareg Rebellen besetzt. Die Islamisten versuchen das Sharia Recht durchzusetzen, nicht nur das, sondern auch die Zerstörung von wichtiger Infrastruktur (Krankenhäuser, Schulen, Heuschreckenbekämpfungsstationen etc.), das militarisierte Klima, Menschenrechtsverletzungen aller Art (Vergewaltigungen, Übergriffe auf Kleingewerbetreibende, auf Andersgläubige, Anheuern von Kindersoldaten, Verbot von Musik, Tanz, Filmen etc. pp.) haben zu einer Fluchtwelle geführt. Ca. 350.000 der ehemals 1,2 Mio. BewohnerInnen der Regionen Kidal, Gao und Timbouctou sind auf der Flucht. Sie gingen Richtung Süden, ins alte Mali, wo sie von ihren ebenfalls armen Familien aufgenommen wurden oder in die Nachbarländer Mauretanien, Algerien, Niger und Burkina Faso, allesamt – bis vielleicht auf Algerien, das aber zügig seine Grenzen dicht gemacht hat – nicht besonders wohlhabend. Die UNO begleitet selbst in Mopti inzwischen ein großes Flüchtlingslager.
Die malische Armee wurde nach Mopti zusammengerufen, allein in Bandiagara sind 200 Soldaten stationiert, was in so einem kleinen Ort ziemlich viel ist. 20 von ihnen verbringen regelmäßig ihre Mittagspause im Hof unseres Hauses, ihr Posten ist nur ca. 150 m entfernt – unser Haus liegt an der Straße nach Norden, ca. 200 km bis Douentza, das kürzlich von den Besatzern überrannt wurde. …

Ich musste Mali Anfang April 2012 auf Weisung von GIZ, BMZ und Auswärtigem Amt verlassen. Auch über diese Zeit berichtet das alte Tagebuch noch.

Ende August konnte ich wieder einreisen und finde meine Befürchtungen auf eine andere Weise bestätigt als erwartet: ich fürchtete mich vor einem militarisierten Land, einer Hauptstadt Bamako, in der an jeder Ecke ein Militärposten nach den Papieren und nach Bakschisch (Schmiergeld) fragt – nichts dergleichen ist der Fall.
Dennoch bin ich ein anderes Land zurückgekehrt – den MalierInnen war es in der Vergangenheit gelungen, die durchaus prekäre Ernährungssituation durch Teilen und gutes Organisieren zu kaschieren. Nun sind die Preise für Grundnahrungsmittel fast auf europäisches Niveau gestiegen, die Einkommen aber keineswegs, im Gegenteil, diejenigen, die in der Vergangenheit wenigstens während der Touristensaison noch etwas verdient haben, haben nun gar nichts mehr. Auch viele MitarbeiterInnen von Hilfsorganisationen, Entwicklungsprojekten, Nichtregierungsorganisationen etc. sind aufgrund des Rückzugs der Geberländer arbeitslos geworden.
Es gibt also faktisch nichts zum Teilen mehr – so ist inzwischen sicht- und spürbar, dass viele Menschen eindeutig zu wenig zu essen haben. Das beschäftigt mich mehr als alles andere. Hamidou bestätigt mir das, er sagt, dass es viele wichtige und tolle Projekte gab und gibt, dass aber derzeit das Wichtigste ist, Nahrung zu beschaffen. Auf keinen Fall darf man die Menschen darauf ansprechen, jede/r ist viel zu stolz, zuzugeben, dass eine adäquate Versorgung der Familie nicht mehr möglich ist. Also gilt es zu teilen.

Nach Bandiagara kann ich verläufig gar nicht mehr, das liegt in der „Roten Zone“ – gerade kürzlich wurde die Kriegskasse der Besatzer im Norden mit Geldern aus der Entführung von EuropäerInnen wieder „aufgefüllt“, also kann ich dort aufgrund meiner Hautfarbe derzeit nicht hin. Ich brächte nicht nur mich, sondern auch Hamidou und unsere Familie dort in Gefahr. So schwer es fällt, es ist vernünftig, hier in Bamako zu bleiben. Die GIZ hat für mich eine Stelle beim Dachverband der malischen Zivilgesellschaft, das wird sicher eine spannende Aufgabe.
Hamidou kommt mich regelmäßig besuchen, er ist ja jetzt Rentner, so dass er Zeit hat und Familie und Haus in Bandiagara gleichwohl nicht vernachlässigen muss.

Tja und so bin ich sicher, dass mein Mali Tagebuch eine Zäsur verträgt und begrüße alle alten und neuen LeserInnen ganz herzlich!

Der neue Titel „Mali im Umbruch – listen to the people“ soll der veränderten Situation Rechnung tragen und ich werde versuchen, die bewährte Mischung aus persönlichen Eindrücken und politischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Fakten aufrecht zu erhalten. Neu sind die Rubriken „Projekte im Dogonland“, links zu direkten Hilfsprojekten und „wirtschaftliche Rahmendaten“ – auch werde ich spannende Dokumente zur Entwicklung in Afrika im Allgemeinen und zu Mali im Besonderen einstellen.

Ich hoffe sehr, dass trotz der nunmehr zwangsläufigen Krisenberichterstattung Ihr/Euer Interesse nicht erlahmt.
Ich freue mich über Rückmeldungen unter meiner persönlichen mailadresse.

Gleichwohl: Spannende Lektüre!

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