Kriegstagebuch Mali

Und so wird aus dem fröhlich-neugierigen Mali Tagebuch ein Kriegstagebuch –

Vorboten

Angefangen hatte es ja tatsächlich schon viel früher – 2007 wurde der Flughafen in Mopti/Sevare modernisiert, was mich schon wunderte, alles nur für die Touristen?

2010 traf ich am Gepäckband in Bamako einen Bundeswehrsoldaten in voller Montur – was er mache, fragte ich ihn  als neugierige Steuerzahlerin – „seit 3 Jahren schule ich hier in Segou das malische Militär“ war die Antwort.

Nun ja, das malische Militär, stationiert in Segou, in Kati, im Norden des Landes in Kidal, in Gao, in Timbouctou … niemand hatte sich in der Entwicklungszusammenarbeit damit beschäftigt, etwas, was uns erst im Frühjahr 2012 auffiel, so was wie „Bürger in Uniform“, gänzlich unbekannt. In die Armee geht, wer einen Verwandten dort hat oder wenn ein schwieriges Kind Disziplin lernen soll – ich kannte ein paar Leute in Segou, die für die Bundeswehr dort waren und gelegentlich erzählten, dass es echt schwierig sei, den malischen Militärs so was wie Strategie, einfache Weisungsstrukturen oder auch Waffenkunde nahe zu bringen. Bis auf einige kleinere Auseinandersetzungen mit Nachbarländern wie Burkina Faso, Guinea und Senegal gibt es für das malische Militär seit 50 Jahren keine Kampferfahrung.

2007 war es aber auch, als kurz nach unserer Durchreise in Mauretanien genau an unserem schönen „Picknickplatz“ 4 Franzosen umgebracht wurden. Und dann ging es eigentlich Schlag auf Schlag – Entführungen in Mauretanien, in Niger, schließlich auch in Mali selbst im Herbst 2011.

Kurz nach meiner Wiedereinreise 2011 gab es zum ersten Mal ein Sicherheitstraining in Mali für die in deutschen in der EZ Tätigen.

Der Lybien Krieg als Katalysator

Wenige Monate zuvor war die europäisch-amerikanische Intervention in Lybien „erfolgreich“ abgeschlossen.

Als ein Kollerateralschaden zogen anschließend zahllose arbeitslos gewordene Tuareg mit ihren Waffen heimwärts, was oft nach Mali war. Der malische Präsident ATT empfing sie im Regierungspalast und gab ihnen 50 Mio FCFA, mit der Bitte, sich doch bitte ins Land zu integrieren.

Offenbar dachten viele gar nicht dran. Seit vielen Jahren hatte sich Al Quaida Maghreb, durch Entführungen mit gut gefüllten Kassen versorgt, im Norden Malis eingenistet und sie versprachen den Tuareg, die sich in der Front zur Befreiung von AZARWAD (MLNA) zusammen geschlossen hatten, gemeinsam endlich ihr Gebiet (das sich eigentlich nicht nur, aber eben überwiegend) auf Mali erstreckte, zu erobern.

Massaker als Auslöser für den 1. Putsch

Im Januar 2012 wurden in Agilhok, weit im Norden von Mali, 60 malische Soldaten massakriert, was das Misstrauen der malischen Bevölkerung gegen die Tuareg Rebellen, das eh latent schon lange vorhanden ist, stark anheizte.

Im Militärstüzpunkt Kati und in Bamako gingen die Soldatenfrauen und –angehörigen auf die Straße, die im Norden gemeuchelten Menschen hatten keine Chance, sie hatten weder Essen noch Munition. Das kam aber alles sehr viel später heraus. Auch dass man seitens z.B. Deutschlands schwierige Entwicklungen in der Folge des Lybien Krieges voraus sah, wurde erst durch die Studie von SWP im Februar 2012 wirklich deutlich.

Die Proteste in Mali mündeten im März 2012 in einen Militärputsch, in dessen Verlauf der Präsident ATT und die Regierung abgesetzt und auf Druck der Nachbarstaaten und der internationalen Gemeinschaft eine Interiemsregierung eingesetzt wurde.

Angeblich war es eher ein Zufall, dass die malischen Soldaten, die mit dem Innen- und Verteidigungsminister diskutierten und sich über Sold- und Beförderungsfragen nicht einigen konnten, selbige schließlich mit Waffengewalt fest setzten, den staatlichen Radio- und Fernsehsender besetzten und mit martialischen Bildern den Eindruck erweckten, jetzt aber ganz schnell die Rebellen und Islamisten aus dem Norden des Landes vertreiben zu wollen.

Nach dem Militärputsch: Eroberung des Nordens durch Islamisten

Allein – es geschah in dieser Angelegenheit – nichts, außer, dass innerhalb von 3 Wochen die Städte Kidal, Gao und Timbouctou durch die inzwischen auf 4 Partner angewachsene islamistische „Koalition des Schreckens“ besetzt waren und sie den Staat „AZARWAD“ ausriefen. Zu den Tuareg Rebellen und Al Quaida Maghreb hatten sich eine Gruppierung, die sich MUJAO nennt, sowie Ansar a Dine –  Verteidiger des Glaubens, ein Plagiat einer hoch angesehen religiösen Gemeinschaft in Bamako gesellt. Natürlich mischten auch die in der Region seit Jahrzehnten aktiven Banditen mit, Menschen-, Drogen- und Waffenhändler, in einer im Herbst 2012 erschienenen Studie von SWP sehr schön nach zu lesen.

Der Putschist Capitän Sanogo und seine Mannen zeigten sich in Bamako, 1000 km entfernt, unbeeindruckt – die Fernsehauftritte wurden seltener – die Waffenlager seien leer gewesen, deshalb habe man nicht kämpfen können.

Die Interriemsregierung versuchte derweil so etwas wie Verhandlungen zu beginnen, Burkina erklärte sich als Moderator bereit und eine Art „Verhandlungstourismus“ unterschiedlichster gesellschaftlicher Gruppen in den besetzten Norden zog sich durch den Sommer 2012. Im Winter 2012 gelang es scheinbar die MLNA und Ansar Dine aus der „Koalition“ heraus zu lösen.

Mit bewunderswerter Gelassenheit (heute denke ich manchmal Gleichgültigkeit?) erträgt die malische Bevölkerung den Niedergang eines ihres wichtigsten Wirtschaftszweiges, des Tourismus, den Niedergang der Wirtschaft insgesamt, den Absturz zahlreicher Projekte durch die Suspendierung der Entwicklungshilfe vieler Geberländer und auch die Mitversorgung von zahllosen Flüchtlingen (insgesamt haben ca. 400.000 Menschen binnen kürzester Zeit AZARWAD verlassen, die Region hatte vormals ca. 1,2 Mio. EinwohnerInnen, stellte also nur einen kleinen Teil der malischen Bevölkerung).

Wer hat das Sagen in Bamako?

An die für April 2012 geplanten Wahlen war nun nicht mehr zu denken, auch erwies sich die Regierung als nicht besonders handlungs- und entschlussfreudig. Eine landesweite Beratungsversammlung, an der alle gesellschaftlichen Kräfte beteiligt sein sollten, wurde inzwischen 8 Mal verschoben, sie war Bestandteil des Handlungsplanes, der als vertrauensbildende Maßnahme u.a. den Nachbarn und Gebern vorgelegt worden war, woraufhin etliche Projekte wieder anliefen und ich z.B. im August 2012 wieder nach Mali einreisen konnte.

Stets wurde betont, dass man ja den Norden nicht befreien könne, da die dafür bestellten Waffen (noch von ATT) in Konakry im Hafen fest lägen und man das alleine eh nicht schaffen könnte.

Ende September wurde dann der längst erwartete Hilferuf Malis an die Vereinten Nationen gesandt – der inzwischen auch positiv beantwortet ist. Kurz danach wurden die Waffen frei gegeben und nach Mali gebracht.

Alle dachten, jetzt geht es bald los, stattdessen wurde im Dezember erneut die Regierung in Bamako mit Waffengewalt durch die Putschistengruppe um Capitän Sanogo vertrieben. Anlaß war eine erneute Vertagung der nationalen Beratungen und Hinweise, dass sich der Premier Minister nach Paris absetzen wollte. Über Nacht fand sich ein neuer Premier Minister, übers Wochenende ein neues Kabinett, die nationalen Beratungen wurden mal wieder verschoben ….

Afrikanische Union (AU) und UNO signalisierten, ebenso wie die EU, dass man vor September 2013 nicht zu entsprechender Unterstützung (AU  militärisch, die anderen mit Beratungs- und Materialkapazitäten, wie in der EU-Militärstrategie für Afrika von 2007 bereits skizziert) bereit sei, ob man nicht vielleicht doch erst noch verhandeln sollte …. Außerdem sei ja auch gar nicht klar, wer das alles bezahlen solle.

Das triste Leben in AZARWAD

 Solche Probleme hatten die Besatzer im Norden nicht. Als erstes riefen sie die Scharia in einer radikalen Form als Gesetz aus, um zu zeigen was das heißt und wie ernst sie es meinen, hakten sie Dieben Hände und Füße ab, steinigten unverheiratete Paare und zwangen Frauen die Vollverschleierung auf. Jugendliche dürfen keine Musik mehr hören und kein Fußball mehr spielen, die Koedukation in Schulen wurde aufgehoben, viele öffentliche Einrichtungen geschliffen, ebenso Kulturdenkmäler die als „unislamisch“ angesehen werden.  Frauen dürfen das Haus nicht mehr allein verlassen, aber auch nicht mit Männern auf Mopeds oder in Autos fahren – der Alltag der Bevölkerung ist dramatisch gestört und beschränkt. Ausführlich nachzulesen in entsprechenden Berichten von amnesty international und human rights watch.

Zugleich begannen sie Jugendliche zu rekrutieren und mit Geld und Uniformen zu locken. Geld hatten sie gerade im Oktober noch mal bekommen, 15 Mio. Euro munkelt man für die Freilassung von Geiseln. Außerdem gibt es gute wirtschaftliche Beziehungen zu Mauretanien und Algerien, die beide lieber Handel als Krieg treiben. Schließlich gibt es Gerüchte über finanzielle Unterstützung aus dem arabischen Raum.

Trügerische Ruhe

Irritiert fragte ich immer mal wieder, warum man glaube, dass die Besatzer da im Norden bleiben würden? In Mopti ist viel Militär und bei der Bevölkerung, die ja im Süden viel zahlreicher ist, würden sie kein Bein auf die Erde kriegen, lautete die Antwort unisono.

Ein Trugschluss, wie wir heute wissen. Am Wochenende begann es damit, dass ich hörte, im Dogonland und in der Region Mopti sei man sehr beunruhigt, es könnte sein, dass die Islamisten – die übrigens inzwischen die Tuareg-Rebellen selbst vertrieben hatten, weil die keine Scharia wollen – weiter Richtung Süden ziehen. Ich schätzte das da noch so als „Säbelrasseln“ vor den für diese Woche vorgesehenen Verhandlungen in Ouagadougou/Burkina ein.

Aber am Montag beschlich auch mich großes Unbehagen. Die Verhandlungen standen auf der Kippe und es gab Gerüchte über Kundschafter in Mopti, Bankass und Borko.

Die Front in Zentralmali

Heute (10.01.2013) sind die Islamisten bis Sevare/Mopti  vorgedrungen, strategisch wichtig, da es dort besagten Flughafen gibt … Die malische Armee hat ca. 24 Stunden gekämpft, dann hatten sie den besser ausgerüsteten und zahlreicheren Islamisten nichts mehr entgegen zu setzen.

Die Menschen von Bandiagara sitzen in ihren Häusern, haben das Licht gelöscht und hoffen, dass der Ort nicht weiter auffällt … das zum Schutz seit Monaten dort stationierte Militär wurde heute Morgen komplett abgezogen und nach Sevare/Mopti geholt.

Die Verhandlungen in Burkina wurden verschoben. Prodi und die Schweizerische Botschafterin wünschen Mali viel Erfolg …

Mir kam dann heute der Gedanke, warum man das zulässt: keine Armee mag in der Wüste kämpfen, die das Terrain der Besatzer ist. Also lässt man sie womöglich weiter nach Süden kommen, vielleicht lässt sich dafür besser Hilfe aus den Nachbarländern mobilisieren. Vielleicht ist Mali als Land aber auch einfach zu arm und unwichtig.

Tragisch hilflos heute Abend im Fernsehen die Appelle des malischen islamischen Rates, doch nicht als Muslime gegen Muslime zu kämpfen – offenbar ein letzter Versuch, ansonsten keinerlei Berichterstattung zu den Entwicklungen in – wie es jetzt schon in internationalen Medien heißt – „Zentralmali“.

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