Leben und Arbeiten in Ouagadougou I

Mühen des Autofahrens

 

Einige Wochen nach meiner Ankunft ist mein Auto (unser schöner alter Familienmercedes, Hochzeitsgeschenk meines Vaters, das Auto stand über 3 Monate an der Grenze zum Senegal, bis die malischen Zollunterlagen fertig waren) endlich auch in Burkina “temporär” verzollt und angemeldet. D.h. auch, dass das alle 2 Jahre erneuert werden muss.

Verzollung

Für die temporäre Verzollung muss erstmal eine carte grise (Fahrzeugschein) erstellt werden und dafür muss ich zum Strassenverkehrsamt. Kollege Noufou, zuständig für die Logistik, begleitet mich. Vor dem Gebäude herrscht ein unglaubliches Durcheinander. Es sind Kunden, die auf ihre Dokumente warten. Und “mobile Verkäufer”, die die nötigen Wertmarken feilbieten. Merke: ohne Wertmarke (ca. 15 bis 50 Cent) kein Dokument.
Im Hof geht das Gedrängel weiter, es entpuppt sich als eine Menge, die in Schlangen für bestimmte Anliegen ansteht: Anmelden und Abmelden von Fahrzeugen, Diebstahlsanzeigen, Beglaubigungen von Fahrerlaubnissen und anderen Dokumenten.
Zum Glück kennt Noufou einen der Beamten, so dass das mit meiner carte grise recht schnell geht.

Fahrerlaubnis

Schwieriger ist dann schon mein zweiter Besuch bei dieser Behörde. Diesmal brauche ich eine Fahrerlaubnis für Ibrahim, der gelegentlich für uns (privat) als Fahrer arbeitet und für meinen Mann, denn auch er darf das Auto nur fahren, wenn ich das erlaube (!). Die Idee ist, dass man so gestohlene Fahrzeuge schneller erkennt, wer damit ohne “procuration” unterwegs ist, hat womöglich was auf dem Kerbholz.
Ibrahim begleitet mich, ich kenne jetzt sogar schon den Weg. Eine Kollegin hat mir einen Mustertext gegeben und so hoffe ich, schnell die nötigen Stempel zu bekommen. Zunächst warten wir ein halbes Stündchen in der Schlange, wo es um Beglaubigungen geht – Ibrahim und ich sind sicher, dass es das ist, was wir brauchen. Beim zuständigen Beamten angekommen, stellt sich heraus, dass es für die Fahrerlaubnisse eine eigene Schlange gibt.
Also wieder anstehen. Endlich vorne angekommen, wird mein Schreiben kritisch beäugt, einige Rechtschreibfehler konstatiert und festgestellt, dass ohne meine Passnummer darauf gar nichts geht. Ich solle doch bitte den Schrieb korrigieren und dann nochmal vorsprechen. Uff.
Dazu habe ich weder Zeit noch Lust. Heißt nämlich, zurück fahren, PC anwerfen, ausdrucken, wieder hin fahren, um 11.30h schließt die Behörde für den Rest des Tages. Es ist schon 10.45 h …
Ibrahim hat eine Lösung: Vor dem Strassenverkehrsamt ist ein winziges Häuschen, vollgestopft mit PCs, Druckern und Fotokopierern (und natürlich einer Schlange davor). Hier wird mein Dokument in korrektem Französisch abgetippt, die Passnummer eingefügt und voila, alles wieder ausgedruckt. Jetzt nur noch die Wertmarken anfeuchten, abziehen und wieder auf die neue Version kleben, 70 Cent bezahlen und ab gehts wieder in die Fahrerlaubnisschlange.
Der Beamte (natürlich in Uniform) ist beeindruckt. Er schaut das Dokument an, schaut Ibrahim an, wo ist die zweite Person, für die hier Procuration beantragt wird? „Mein Mann ist in Mali, er kommt Ende des Monats.“ Ja, dann solle er mal mit mir hier her kommen, die Personen müssen schon gesehen worden sein … oh nein, noch ein Vormittag … natürlich weiß ich, dass ein 1000 oder 2000 FCFA Schein (1,50 – 3,00 €) das Problem schnell lösen würde, aber da bin ich wiederum stur, geschmiert wird nicht!
Also schließen wir den Vorgang für Ibrahim ab und wenige Tage später veranstalte ich die gleich Prozedur noch mal mit Hamidou. Diesmal will der Vorgesetzte uns sehen, schließlich sind wir beide Ausländer! Er plaudert ein wenig mit uns über die trostlose Situation in Mali (eine gewisse Schadenfreude kann er kaum verbergen) und dann zeichnet er gnädig das Papier ab, Stempel drauf, fertig! Na also, geht doch.

Frist abgelaufen!

Noch brenzliger wurde es dann letzten Sommer, als ich den Termin für die Verlängerung der temporären Verzollung verpasste.
Irgendwann Anfang September macht mich mein Garagist (Autowerkstatt) darauf aufmerksam, dass meine Papiere für das Auto nicht mehr gültig sind. Au weia, seit Ende Juli schon! Ich hatte es völlig aus dem Blick verloren, weil ich in Deutschland war, Hamidou krank war und ich eine Menge Arbeit hatte.
Also die Papiere an Noufou, der meinte, das könne teuer werden. Am nächsten Tag ruft er mich an, druckst rum, da ahn ich schon, das wird teuer! Ja, also 120.000 FCFA (ca. 200 €) koste die Verspätung. Das kann ich nun kaum glauben, hatte die befristete Verzollung allein schon 180.000 FCFA (ca. 280 €) gekostet. Ja, wenn ich da was dran machen wolle, solle ich mit dem Intermediär Yussuf (das sind u.a. Menschen, die den Kontakt zu unliebsamen Institutionen herstellen) zum Zoll fahren und mit denen sprechen.
Gesagt, getan. Das Zollgebäude ist in Ouaga2000 und eine wirklich beeindruckende Immobilie. In das pompöse Buero des Zollbeamten, auf Kühlschranktemperatur durch eine riesige Klimaanlage gebracht, will mir Yussuf nicht folgen. Ein vier Augen Gespräch, denke ich, vielleicht gar nicht so falsch.
Ich erzähle meine Geschichte, habe mich extra schick gemacht. “Mama”, (das ist eine Ehrenbezeugung in Afrika) sagt der Zollbeamte, “ich war kürzlich in Europa. Und habe dort meinen Flug verpasst. Dadurch war mein Visum abgelaufen und es gab arge Probleme …”
“Oh”, sag ich, “ich kann nix dafür, was da in den europäischen Passbehörden passiert, tut mir sehr leid …” ich will noch ausführen, dass ich schon immer für die Öffnung aller Grenzen bin ….
“… lassen Sie mich doch ausreden” insistiert er: “die Beamten waren sehr freundlich und haben verstanden, dass es die Verspätung meines Fluges war, die zum Ablaufen des Visums geführt hat. Sie gaben mir ein Kurzzeitvisum, damit ich den Flug am nächsten Tag nehmen konnte.”
Ich schaue ihn fassungslos an. Und jetzt? “… Nun, ich dachte mir, da man zu mir so freundlich war, mache ich hier meine Unterschrift und einen Stempel drauf, damit können Sie wie mit Ihrer carte grise fahren. In wenigen Tagen ist das neue Zolldokument fertig und Yussuf kann es Ihnen dann vorbei bringen.”
“Merci beaucoup”, bringe ich grad noch heraus, bevor er mich auch schon verabschiedet und mir und meiner Familie alles Gute wünscht.
Eine Woche später halte ich mein neues Zolldokument in den Händen. Natürlich habe ich mir den Termin des Fristablaufes im Kalender notiert!
So kann es auch gehen.

Verkehrskontrolle

Um Mitternacht bin ich in Ouagadougou gelandet, bis 1.00 h dauerte es, bis das Gepäck da war und naja, bis 2.00 h hab ich noch ein Bier getrunken und am Gepäck rumgewerkelt (Käse und Schokolade müssen schnell in den Kühlschrank, sind hier teuer und von bescheidener Qualität).
Morgens fahre ich ins Buero, großes Hallo, ist immer gut, wenn eine/r wieder die Reise überstanden hat. In der Mittagspause zurück nach Hause (die Pause geht hier von 12.30 h bis 14.30 h, es lohnt sich also nach Hause zu fahren). Ich habe Hunger und fahre schnell – zu schnell!
Auf der Charles de Gaulle Avenue steht eine Blitze. Nun ja, nicht so wie in Deutschland, tatsächlich blitzt es nicht und es gibt auch kein Foto (das hatte meinen Mann sehr erstaunt, als wir mal eines in Deutschland bekamen), denn die Kamera misst nur die Geschwindigkeit, es ist kein Film drin. Man wird einfach sofort angehalten, wenn man zu schnell ist. So auch ich an diesem Mittag.
„Papiere bitte“, sagt der junge Uniformierte, „Sie sind zu schnell gefahren, kostet 12.000 FCFA“ (ca. 18 €, Standardpreis, unabhängig von der Höhe der Geschwindigkeitsüberschreitung).
„Oh tut mir leid, aber wissen Sie, ich bin heute Nacht erst aus Europa gekommen und da geht alles viel schneller und ich bin halt noch in diesem Tempo,“ versuche ich mich rauszureden. Er lacht mich an: „Mama, das ist eine schön Geschichte, nett, dass Sie wieder hier sind! Aber Sie waren eindeutig zu schnell. Sie müssen zahlen, so wie alle anderen auch.“
Tja, also dann …. Ich erhalte auch eine ordentliche Quittung.

Wie es weiter ging

Der (offizielle) Krieg in Mali wurde am 16.01.2013 „eröffnet „… ich bin bei Jutta in Bamako und wir haben uns mit Google Earth die Gegend in der Region Mopti angeschaut, in der die ersten Kämpfe stattfinden – erschreckend nah an Bandiagara und Sevaré, wie wir feststellen müssen.

Am 19.01.2013 bin ich hoffnungsfroh mit meiner Kollegin zum Fitness Studio in der Nähe meines Hauses in Bamako Badalabougou gefahren – wir hatten uns verabredet, um allen Widrigkeiten zum Trotz eine Probestunde zu machen und uns vielleicht für ein Monatsabo anzumelden – da ereilt uns der Anruf der GIZ, dass wir umgehend das Land verlassen müssen!
Also ab nach Hause, wo mich eine e-mail von der GIZ Burkina Faso erwartet: Meine Bewerbung vom Oktober 2012 hat Erfolg!

Ich denke mir, dass das ein gutes Zeichen ist, rufe gleich Hamidou an, um ihm die schlechte und die gute Nachricht zu sagen … und dann gehts wieder los mit dem Versuch, meinen Hausrat aufzuteilen. Ich hatte ja bewusst nicht viel gekauft, aber der Kühlschrank und auch etliche (dann doch schon wieder) Kleinmöbel passen einfach nicht in den Geländewagen, den ich im Dezember einem Kollegen von der UNO abgekauft habe – er kann nicht in Bamako bleiben, weil er Familie hat, von der er dann getrennt leben müsste.

Ich hatte die ganze Zeit die Vision, dass ich die Reste meines Hausrates in dieses Auto packe und nach Ouagadougou fahre – es ist nicht ganz so gekommen, ich bin erst mal nach Europa geflogen – aber letztlich, vier Monate später, kam Sory, der den Wagen solange gehütet hatte, damit aus Bamako in Ouaga an.

Abschied aus Mali

Das war nun schon auch hart. Hamidou setzt sich für 24 Stunden ins Auto (12 hin – 12 zurück), um noch einen Tag mit mir zu verbringen, alles wieder einpacken und zum Glück ist auch gerade Ruth bei mir, die mir sehr geholfen hat, über diesen erneuten Umzug (der 5. seit Ende 2011) hinwegzukommen.
Irgendwie hatten wirs ja doch auch geahnt, am Wochenende vorher gibt es einige private Treffen mit KollegInnen … ich war noch beim Friseur, grad als die Farbe für die roten Straehnchen aufgebracht ist, ruft Freundin Susanne aus Berlin an und wir deklinieren die Weltlage durch – der Friseur steht daneben und zeigt auf die Uhr und meinen Kopf – zu spät, ich sehe aus wie Pumuckel … nicht nur deshalb schlage ich die Einladung zur Talk-show bei Maischberger ab – als ich die Liste der anderen Diskutanten bekomme, auch an besagtem Freitag, sehe ich, dass auch Dirk Niebel dabei ist … Mit dem obersten Chef aufs Podium, da brauchte mir die GIZ gar nicht mehr sagen, dass das Führungsaufgabe ist. Sie haben dann Christof Wackernagel eingeladen, sie wollten ja bewusst jemanden, der/die den malischen Alltag kennt. Da waren sie gut bedient, wie ich mir später in Deutschland auf youtube anschauen konnte.

„Transit“ in Deutschland

Und eh ichs mich verseh, find ich mich im Wintermärchen wieder, in Remscheid liegt hoher Schnee, es schneit immer weiter und ich habe ein starkes Gefühl von Unwirklichkeit und deja vu. Ich war ja erst am 30.12.12 nach Bamako zurück geflogen, denn ich hatte Weihnachten mit meiner Familie und FreundInnen in Deutschland verbracht.
Ich fahre nach Bonn, um die Modalitäten meines weiteren Einsatzes bei der GIZ zu klären – bin mir nicht ganz sicher, ob es eine gute Idee ist, zu meiner Gleichstellungsidentität zurück zu kehren. Der Vertrag läuft ab 01.03.2013, ich habe also noch den Februar um allerhand administratives zu klären, aber eigentlich mache ich gar nix. Ich besuche meine Eltern fast täglich (mein Vater hat sehr abgebaut im letzten Jahr), schiebe „Projekte“ wie Pflegedienst, Badumbau und Pflegestufe an, komme aber nicht wirklich weit damit, denn das braucht alles Zeit und die habe ich nicht – irgendwie. Eine meiner besten Freundinnen ist an Krebs erkrankt, von einer weiteren erfahre ich kurz vor der Ausreise ihre Diagnose, eine andere hat eine schwierige OP vor sich – alles ist unwirklich und ich bin wohl ziemlich unnahbar.

Ich telefoniere regelmäßig mit Hamidou, um mich zu vergewissern, dass es ihm und der malischen Familie gut geht und es in Bandiagara ruhig ist, alles weitere suche ich mir im Internet zusammen. Mali ist weltweit in den Schlagzeilen, aber leider nicht so, wie es sich das wünschen würde.

Später sollte mir klar werden, dass ich eigentlich in einer heftigen Depression steckte, tatsächlich hat mich 2012 unendlich viel Kraft gekostet.

Anfang März gehe ich für eine Woche nach Eschborn, es ist mir wichtig, ein neues Verhältnis zur GIZ zu gestalten – es ist definitiv nicht mehr der Entwicklungsdienst und ich möchte wissen, was es denn jetzt für eine Organisation ist, mit der ich nun nach Burkina Faso gehe. Es ist gerade Gender Woche und so kann ich an Veranstaltungen dazu teilnehmen und Gespräche mit KollegInnen führen, die z.B. auch langjährige GTZlerInnen sind. Wichtigste Erkenntnis: Auch für sie ist die Fusion nicht einfach! Mir hilft die Erfahrung mit der Fusion von Sozialamt und Arbeitsarbeit, ich weiß, dass wenn zwei (im Falle der GIZ gar drei: DED, GTZ, InWent) Organisationskulturen vereint werden sollen (und dabei aufeinander prallen), Reibungsverluste unvermeidlich sind und ich bin sicher, dass der Prozess ca. 10 Jahre dauern wird. Auf jeden Fall hat diese Erfahrung für mich etwas „versöhnliches“, es sind alles Menschen, die in ihrem professionellen Rahmen das Beste geben und so kommt doch langsam auch Freude auf die Reise nach Ouaga auf.
Am 18.03.2013 fliege ich nach Ouagadougou, meine Schwester bringt mich zum Flughafen, der Abschied von den Eltern ist nicht leicht, aber ich verspreche, so oft wie möglich nach Deutschland zu kommen.

Ein Jahr in Ouagadougou

Inzwischen bin ich seit einem Jahr in Ouagadougou. Es ist mir ganz gut gelungen, mein Versprechen zu halten – ca. alle 4 Monate war ich in Deutschland, um meine Familie dort zu besuchen. Besonders schön war es Weihnachten 2013, als Hamidou mit kommen konnte und wir alle Feiern gemeinsam erlebten.
Die Rückkehr zur Gleichstellung erweist sich als gute Wahl, ich bin sehr thematisch verankert und bekomme Einblick in alle Programme. Leitung und Kollegen arbeiten gut daran mit, die Genderstrategie zu entwickeln und umzusetzen – ist schließlich ein wichtiges Feld der GIZ Geschäftspolitik. Und ich lerne interessante neue Menschen kennen, neue Sitten und Gebräuche.

So liebt man es in Ouagadougou so ab 16.00 h Plastikstühle und Tische vors Haus zu stellen und mit Nachbarn, FreundInnen und überhaupt …. jedenfalls erst mal ein Feierabendbier zu trinken – sehr anders als in Mali.
Es gibt eine Fülle von Restaurants, Bars, kleinen Cafes, bonne femmes (Straßenverkauf von Reis & Sauce) und ich habe das große Glück, dass so ein nettes Maquis direkt an mein Haus grenzt. Wenn ich keine Lust/Zeit zum kochen habe, schaue ich „chez Lili“ rein – einen Teller Reis gibt es da immer – und für kleines Geld.

Eine Schneiderin habe ich auch gefunden, sie ist selbst etwas „üppig“ und ihr Team zaubert mir wunderhübsche Kleider, worüber sich (nicht nur) die Burkinabé freuen …

Einziger Wehrmutstropfen: Ich kann nach wie vor nicht Bandiagara, denn die Region Mopti ist noch immer „rote Zone“. Einige (deutsche) Bekannte, die inzwischen dort waren, berichten, dass alles ruhig ist, vielleicht sollte ich mal ans AA schreiben, damit sie ihre Reisewarnung überprüfen? Da ist ja nur pauschal vom „Norden“ die Rede, die Region Mopti grenzt an den Norden, ist es aber nicht … es sind über 1000 km bis dahin ….
Wir werden sehen. Jedenfalls ist Bandiagara bei allen Lebensmittel- und sonstigen Hilfeleistungen erst mal hinten runter gefallen, das hat unsere alten Freunde motiviert, die association „partager sans frontiere“ (Teilen ohne Grenzen) zu gründen. Wer mehr dazu wissen will, schreibt mir bitte eine e-mail.

Ich habe mir fest vorgenommen, die website nun wieder zu beleben und werde nach und nach kleine und größere Geschichten aus meinem „afrikanischen Alltag“ veröffentlichen.

Eine Gemeinde versucht, ihre Bevölkerung im Krieg zu schützen

z.B. Bandiagara:

Bandiagara liegt in der Region Mopti und ist derzeit mehr oder weniger von Kampfgebieten „eingekreist“: Der Ort muss für sich selbst sorgen – Die Gegend ist in gewisser Weise durch ihre Topografie „geschützt“, nicht umsonst hatten sich die Dogon bereits im Mittelalter vor Islamisten (sic!) hier her geflüchtet.

Gleichwohl versuchen die Verantwortlichen dieser kleinen Kreisstadt alles zu tun, um ihre Bevölkerung zu sichern und die malische Armee und ihre Bündnispartner zu unterstützen.

In der letzten Woche wurden alle Quartierchefs (Bezirksvertreterinnen), BürgermeisterInnen, Ratsmitglieder und Sicherheitskräfte ins Kreishaus (Prefäktur) eingeladen, um die neuen Anordnungen aus Bamako und Mopti (Regionalverwaltung) bekannt zu machen und ihre Umsetzung sicher zu stellen. Diese Treffen finden nun wöchentlich und natürlich bei Bedarf auch täglich statt.

Ausnahmezustand

Es herrscht Ausnahmezustand, d.h. dass größere Menschenansammlungen zu vermeiden sind, denn in ihnen könnten sich verkleidete Nordbesatzer verstecken. Die größte Menschenansammlung in Bandiagara sind die beiden Markttage, wenn die Bauern der Umgebung 2 x wöchentlich ihre Produkte verkaufen. Sie sind derzeit untersagt. Die EinwohnerInnen schließen sich zusammen und schicken „Einkaufswagen“ los – „on demand“ wird im Dorf eingekauft und von Haus zu Haus geliefert. So erhalten die Bauern ihre Einnahmen und die Frauen ihre Zutaten. Wie lange so etwas aufrecht erhalten werden kann, wird von den Dieselvorräten und –preisen abhängen – und der Dauer der Gesamtkrise.

Suspekte Personen“

„Suspekte Personen“, also Fremde, die niemand kennt und die auch bei niemandem zu Besuch sind oder als Flüchtlinge aufgenommen worden sind, sollen, nachdem das im Gespräch mit Nachbarn und Verwandten geklärt ist, den Sicherheitskräften übergeben werden, die sie dann nach Mopti überstellen, für weitere Befragungen. Entscheidend ist hier die Vorrecherche, wenn es nämlich doch jemand ist, der zu einer Familie gehört, kann es später schwere Probleme nach sich ziehen.

Es gibt Hinweise, dass z.B. in Sevare mancher Soldat „alte Rechnungen“ begleichen wollte – zu Beginn wurde hier nach Django-Manier verfahren: erst schießen, dann fragen.

Das soll in Bandiagara gar nicht erst möglich sein, schließlich kennt man sich.

Ausgangssperre

Abends herrscht Ausgangssperre, für jeden Stadtteil wurden Gruppen junger Männer verantwortlich erklärt, die die Nachtwache übernehmen. Sie wurden trainiert, um ihnen zu vermitteln, wie sie im Ernstfall schnell die Sicherheitskräfte hinzu ziehen können.

Spendensammlung

 Über diese Sicherheitsvorkehrungen hinaus ist jede Familie, jede/r EinwohnerIn aufgerufen, für die malische Armee zu spenden, etwas, was mich persönlich irritiert, was aber als sehr selbstverständlich angesehen wird.

Ruhe bewahren

 Insgesamt wird vor allem betont, dass es ruhig ist, dass man die Ruhe (persönlich und als Gemeinde) bewahren will und dass das Wichtigste ist, dass möglichst niemand zu Schaden kommt.

Brief nach Deutschland

Guten Morgen,

dank vieler lieber mails, Anrufen via skype und internet bin ich gut auf dem Laufenden, welche Informationen derzeit in Deutschland zur Situation in Mali veröffentlicht werden.
Dazu möchte ich beisteuern:

– Es herrscht KEIN Bürgerkrieg, die Aggressoren im Norden sind in der Mehrzahl keine malischen BürgerInnen, sie kommen aus Lybien, Mauretanien, Algerien, Nigeria, Pakistan….

– Die Menschen gehen – zwar nervös und beunruhigt – aber gleichwohl auf eine Art gelassen, ihren Alltagsgeschäften nach. Es gab Kundgebungen hier in Bamako, vor allem, um endlich in die nationalen Beratungen zur Bewältigung der Krise einzusteigen. Diese sind wohl weitestgehnd friedlich verlaufen. Wie in europäischen Großstädten auch, habe ich in meinem Stadtteil davon gar nichts mit bekommen.

– Es wird viel diskutiert, aber es gibt keine Straßenkämpfe o.ä., denn die Menschen sind sich einig, dass die Aggression von den Nordbesatzern Al Quaida, MNLA,, MUJAO, Ansar Dine und anderen Banditen ausgeht und dass man zusammen halten muss, um dem zu begegnen. Es ist sehr ruhig in Bamako, der Ausnahmezustand wird offenbar respektiert.

– Bei einem Angriff, wie er am Mittwoch durch die Nordbesatzer erfolgt ist, ist es nötig, sich zu verteidigen.

– Die meisten Menschen hier sind froh, dass militärische Unterstützung gekommen ist. Es war der Eindruck entstanden, Mali habe gerufen „unser Haus brennt“ und die Nachbarn und Freunde hätten geantwortet „wir schauen mal, ob wir löschen helfen können, aber nicht vor September 2013“ –  so in etwa die Antwort von UNO, Afrikanischer Union und EU im Winter 2012. Es war ja wirklich utopisch zu glauben, dass die Islamisten bis dahin „warten“ würden …

– Gleichwohl ist es wichtig, weitere Verhandlungen zu versuchen und sich vor allem auf die Zeit nach der Befreiung des Nordens vorzubereiten. Es wird dann noch wichtiger sein, dass in Bamako wieder eine stabile Regierung – durch Wahlen legitimiert – das Ruder in die Hand nimmt.

— Die Kämpfe mit den Besatzern des Norden finden derzeit in der Region Mopti statt. Durch einiges Nachdenken bin ich drauf gekommen, dass es strategisch klug war, sie so weit kommen zu lassen. Weder die desolate malische Armee, noch die jetzt beteiligten ausländischen Militärs hätten in den weitläufigen Wüstengebieten des Nordens die Spur einer Chance gegen die Angreifer. Von der zwielichtigen Rolle Algeriens und Mauretaniens mal ganz abgesehen.

– In Mopti/Sevare gibt es einen strategisch wichtigen Flughafen, von wo aus offenbar jetzt die Kämpfe geführt werden. Auch ist in dieser Region mit Unterstützung durch die Bevölkerung zu rechnen, die sehr viel zahlreicher als im Norden und auch entschieden gegen Scharia und Islamisten ist. Es gibt Hinweise, dass z.B. Kundschafter der Aggressoren aufgrund von Tipps aus der Bevölkerung festgenommen werden konnten.

– Meinem Mann und unserer malischen Familie geht es gut, es wurden alle Vorbereitungen getroffen, sich notfalls in ein abgelegenes Dorf zurück zu ziehen. Da Bandiagara nur ca. 60 km von Mopti entfernt liegt, ist die Bevölkerung natürlich beunruhigt und man hört den Fluglärm vom Aeroport.

– Was mich persönlich betrifft, so habe ich einen Anschlussvertrag mit der GIZ für Burkina Faso, wohin ich voraussichtlich in den nächsten Tagen ausreisen werde. Uns wurde seitens der GIZ Mali gestern mit geteilt, dass wir in Kürze auf jeden Fall das Land Mali verlassen müssen. Ich verkaufe nun meine restlichen Möbel und packe meine Sachen, um sie nach Burkina oder Bandiagara zu schicken. Den Flugtermin werde ich sicher in Kürze erfahren.

Es gibt keinen Grund, sich um mich zu sorgen, im Rahmen der Möglichkeiten hatte ich bisher mal wieder Glück.
Weitere Infos gibt es auf meiner website, www.riedl-kassogue.de, die jetzt auch ein rss feed hat.

Wünscht bitte Mali Glück, Frieden und Gottes Segen!

Herzliche Grüße aus Bamako
und ein schönes Wochenende

Kassogué Gabriele Riedl

Kriegstagebuch Mali

Und so wird aus dem fröhlich-neugierigen Mali Tagebuch ein Kriegstagebuch –

Vorboten

Angefangen hatte es ja tatsächlich schon viel früher – 2007 wurde der Flughafen in Mopti/Sevare modernisiert, was mich schon wunderte, alles nur für die Touristen?

2010 traf ich am Gepäckband in Bamako einen Bundeswehrsoldaten in voller Montur – was er mache, fragte ich ihn  als neugierige Steuerzahlerin – „seit 3 Jahren schule ich hier in Segou das malische Militär“ war die Antwort.

Nun ja, das malische Militär, stationiert in Segou, in Kati, im Norden des Landes in Kidal, in Gao, in Timbouctou … niemand hatte sich in der Entwicklungszusammenarbeit damit beschäftigt, etwas, was uns erst im Frühjahr 2012 auffiel, so was wie „Bürger in Uniform“, gänzlich unbekannt. In die Armee geht, wer einen Verwandten dort hat oder wenn ein schwieriges Kind Disziplin lernen soll – ich kannte ein paar Leute in Segou, die für die Bundeswehr dort waren und gelegentlich erzählten, dass es echt schwierig sei, den malischen Militärs so was wie Strategie, einfache Weisungsstrukturen oder auch Waffenkunde nahe zu bringen. Bis auf einige kleinere Auseinandersetzungen mit Nachbarländern wie Burkina Faso, Guinea und Senegal gibt es für das malische Militär seit 50 Jahren keine Kampferfahrung.

2007 war es aber auch, als kurz nach unserer Durchreise in Mauretanien genau an unserem schönen „Picknickplatz“ 4 Franzosen umgebracht wurden. Und dann ging es eigentlich Schlag auf Schlag – Entführungen in Mauretanien, in Niger, schließlich auch in Mali selbst im Herbst 2011.

Kurz nach meiner Wiedereinreise 2011 gab es zum ersten Mal ein Sicherheitstraining in Mali für die in deutschen in der EZ Tätigen.

Der Lybien Krieg als Katalysator

Wenige Monate zuvor war die europäisch-amerikanische Intervention in Lybien „erfolgreich“ abgeschlossen.

Als ein Kollerateralschaden zogen anschließend zahllose arbeitslos gewordene Tuareg mit ihren Waffen heimwärts, was oft nach Mali war. Der malische Präsident ATT empfing sie im Regierungspalast und gab ihnen 50 Mio FCFA, mit der Bitte, sich doch bitte ins Land zu integrieren.

Offenbar dachten viele gar nicht dran. Seit vielen Jahren hatte sich Al Quaida Maghreb, durch Entführungen mit gut gefüllten Kassen versorgt, im Norden Malis eingenistet und sie versprachen den Tuareg, die sich in der Front zur Befreiung von AZARWAD (MLNA) zusammen geschlossen hatten, gemeinsam endlich ihr Gebiet (das sich eigentlich nicht nur, aber eben überwiegend) auf Mali erstreckte, zu erobern.

Massaker als Auslöser für den 1. Putsch

Im Januar 2012 wurden in Agilhok, weit im Norden von Mali, 60 malische Soldaten massakriert, was das Misstrauen der malischen Bevölkerung gegen die Tuareg Rebellen, das eh latent schon lange vorhanden ist, stark anheizte.

Im Militärstüzpunkt Kati und in Bamako gingen die Soldatenfrauen und –angehörigen auf die Straße, die im Norden gemeuchelten Menschen hatten keine Chance, sie hatten weder Essen noch Munition. Das kam aber alles sehr viel später heraus. Auch dass man seitens z.B. Deutschlands schwierige Entwicklungen in der Folge des Lybien Krieges voraus sah, wurde erst durch die Studie von SWP im Februar 2012 wirklich deutlich.

Die Proteste in Mali mündeten im März 2012 in einen Militärputsch, in dessen Verlauf der Präsident ATT und die Regierung abgesetzt und auf Druck der Nachbarstaaten und der internationalen Gemeinschaft eine Interiemsregierung eingesetzt wurde.

Angeblich war es eher ein Zufall, dass die malischen Soldaten, die mit dem Innen- und Verteidigungsminister diskutierten und sich über Sold- und Beförderungsfragen nicht einigen konnten, selbige schließlich mit Waffengewalt fest setzten, den staatlichen Radio- und Fernsehsender besetzten und mit martialischen Bildern den Eindruck erweckten, jetzt aber ganz schnell die Rebellen und Islamisten aus dem Norden des Landes vertreiben zu wollen.

Nach dem Militärputsch: Eroberung des Nordens durch Islamisten

Allein – es geschah in dieser Angelegenheit – nichts, außer, dass innerhalb von 3 Wochen die Städte Kidal, Gao und Timbouctou durch die inzwischen auf 4 Partner angewachsene islamistische „Koalition des Schreckens“ besetzt waren und sie den Staat „AZARWAD“ ausriefen. Zu den Tuareg Rebellen und Al Quaida Maghreb hatten sich eine Gruppierung, die sich MUJAO nennt, sowie Ansar a Dine –  Verteidiger des Glaubens, ein Plagiat einer hoch angesehen religiösen Gemeinschaft in Bamako gesellt. Natürlich mischten auch die in der Region seit Jahrzehnten aktiven Banditen mit, Menschen-, Drogen- und Waffenhändler, in einer im Herbst 2012 erschienenen Studie von SWP sehr schön nach zu lesen.

Der Putschist Capitän Sanogo und seine Mannen zeigten sich in Bamako, 1000 km entfernt, unbeeindruckt – die Fernsehauftritte wurden seltener – die Waffenlager seien leer gewesen, deshalb habe man nicht kämpfen können.

Die Interriemsregierung versuchte derweil so etwas wie Verhandlungen zu beginnen, Burkina erklärte sich als Moderator bereit und eine Art „Verhandlungstourismus“ unterschiedlichster gesellschaftlicher Gruppen in den besetzten Norden zog sich durch den Sommer 2012. Im Winter 2012 gelang es scheinbar die MLNA und Ansar Dine aus der „Koalition“ heraus zu lösen.

Mit bewunderswerter Gelassenheit (heute denke ich manchmal Gleichgültigkeit?) erträgt die malische Bevölkerung den Niedergang eines ihres wichtigsten Wirtschaftszweiges, des Tourismus, den Niedergang der Wirtschaft insgesamt, den Absturz zahlreicher Projekte durch die Suspendierung der Entwicklungshilfe vieler Geberländer und auch die Mitversorgung von zahllosen Flüchtlingen (insgesamt haben ca. 400.000 Menschen binnen kürzester Zeit AZARWAD verlassen, die Region hatte vormals ca. 1,2 Mio. EinwohnerInnen, stellte also nur einen kleinen Teil der malischen Bevölkerung).

Wer hat das Sagen in Bamako?

An die für April 2012 geplanten Wahlen war nun nicht mehr zu denken, auch erwies sich die Regierung als nicht besonders handlungs- und entschlussfreudig. Eine landesweite Beratungsversammlung, an der alle gesellschaftlichen Kräfte beteiligt sein sollten, wurde inzwischen 8 Mal verschoben, sie war Bestandteil des Handlungsplanes, der als vertrauensbildende Maßnahme u.a. den Nachbarn und Gebern vorgelegt worden war, woraufhin etliche Projekte wieder anliefen und ich z.B. im August 2012 wieder nach Mali einreisen konnte.

Stets wurde betont, dass man ja den Norden nicht befreien könne, da die dafür bestellten Waffen (noch von ATT) in Konakry im Hafen fest lägen und man das alleine eh nicht schaffen könnte.

Ende September wurde dann der längst erwartete Hilferuf Malis an die Vereinten Nationen gesandt – der inzwischen auch positiv beantwortet ist. Kurz danach wurden die Waffen frei gegeben und nach Mali gebracht.

Alle dachten, jetzt geht es bald los, stattdessen wurde im Dezember erneut die Regierung in Bamako mit Waffengewalt durch die Putschistengruppe um Capitän Sanogo vertrieben. Anlaß war eine erneute Vertagung der nationalen Beratungen und Hinweise, dass sich der Premier Minister nach Paris absetzen wollte. Über Nacht fand sich ein neuer Premier Minister, übers Wochenende ein neues Kabinett, die nationalen Beratungen wurden mal wieder verschoben ….

Afrikanische Union (AU) und UNO signalisierten, ebenso wie die EU, dass man vor September 2013 nicht zu entsprechender Unterstützung (AU  militärisch, die anderen mit Beratungs- und Materialkapazitäten, wie in der EU-Militärstrategie für Afrika von 2007 bereits skizziert) bereit sei, ob man nicht vielleicht doch erst noch verhandeln sollte …. Außerdem sei ja auch gar nicht klar, wer das alles bezahlen solle.

Das triste Leben in AZARWAD

 Solche Probleme hatten die Besatzer im Norden nicht. Als erstes riefen sie die Scharia in einer radikalen Form als Gesetz aus, um zu zeigen was das heißt und wie ernst sie es meinen, hakten sie Dieben Hände und Füße ab, steinigten unverheiratete Paare und zwangen Frauen die Vollverschleierung auf. Jugendliche dürfen keine Musik mehr hören und kein Fußball mehr spielen, die Koedukation in Schulen wurde aufgehoben, viele öffentliche Einrichtungen geschliffen, ebenso Kulturdenkmäler die als „unislamisch“ angesehen werden.  Frauen dürfen das Haus nicht mehr allein verlassen, aber auch nicht mit Männern auf Mopeds oder in Autos fahren – der Alltag der Bevölkerung ist dramatisch gestört und beschränkt. Ausführlich nachzulesen in entsprechenden Berichten von amnesty international und human rights watch.

Zugleich begannen sie Jugendliche zu rekrutieren und mit Geld und Uniformen zu locken. Geld hatten sie gerade im Oktober noch mal bekommen, 15 Mio. Euro munkelt man für die Freilassung von Geiseln. Außerdem gibt es gute wirtschaftliche Beziehungen zu Mauretanien und Algerien, die beide lieber Handel als Krieg treiben. Schließlich gibt es Gerüchte über finanzielle Unterstützung aus dem arabischen Raum.

Trügerische Ruhe

Irritiert fragte ich immer mal wieder, warum man glaube, dass die Besatzer da im Norden bleiben würden? In Mopti ist viel Militär und bei der Bevölkerung, die ja im Süden viel zahlreicher ist, würden sie kein Bein auf die Erde kriegen, lautete die Antwort unisono.

Ein Trugschluss, wie wir heute wissen. Am Wochenende begann es damit, dass ich hörte, im Dogonland und in der Region Mopti sei man sehr beunruhigt, es könnte sein, dass die Islamisten – die übrigens inzwischen die Tuareg-Rebellen selbst vertrieben hatten, weil die keine Scharia wollen – weiter Richtung Süden ziehen. Ich schätzte das da noch so als „Säbelrasseln“ vor den für diese Woche vorgesehenen Verhandlungen in Ouagadougou/Burkina ein.

Aber am Montag beschlich auch mich großes Unbehagen. Die Verhandlungen standen auf der Kippe und es gab Gerüchte über Kundschafter in Mopti, Bankass und Borko.

Die Front in Zentralmali

Heute (10.01.2013) sind die Islamisten bis Sevare/Mopti  vorgedrungen, strategisch wichtig, da es dort besagten Flughafen gibt … Die malische Armee hat ca. 24 Stunden gekämpft, dann hatten sie den besser ausgerüsteten und zahlreicheren Islamisten nichts mehr entgegen zu setzen.

Die Menschen von Bandiagara sitzen in ihren Häusern, haben das Licht gelöscht und hoffen, dass der Ort nicht weiter auffällt … das zum Schutz seit Monaten dort stationierte Militär wurde heute Morgen komplett abgezogen und nach Sevare/Mopti geholt.

Die Verhandlungen in Burkina wurden verschoben. Prodi und die Schweizerische Botschafterin wünschen Mali viel Erfolg …

Mir kam dann heute der Gedanke, warum man das zulässt: keine Armee mag in der Wüste kämpfen, die das Terrain der Besatzer ist. Also lässt man sie womöglich weiter nach Süden kommen, vielleicht lässt sich dafür besser Hilfe aus den Nachbarländern mobilisieren. Vielleicht ist Mali als Land aber auch einfach zu arm und unwichtig.

Tragisch hilflos heute Abend im Fernsehen die Appelle des malischen islamischen Rates, doch nicht als Muslime gegen Muslime zu kämpfen – offenbar ein letzter Versuch, ansonsten keinerlei Berichterstattung zu den Entwicklungen in – wie es jetzt schon in internationalen Medien heißt – „Zentralmali“.

ebay in Bamako

Blick auf Bamako vom Regierungsviertel aus

In Bamako gibt es viele ausländische ExpertInnen und es herrscht ein ständiges Kommen und Gehen, zur Zeit wohl eher Gehen. Auch einige KollegInnen von mir verlassen das Land nun endgültig und haben 2 Wochen Zeit, ihr Hab und Gut zu veräußern.
Als erstes machen wir mal in meinem (künftigen) Haus (jaja, ich bin schon mal wieder umgezogen …) einen Yard Sale. Es gibt ja nicht viele Gründe hier zum feiern, so nutzen wir diese Gelegenheit mal zusammen zu kommen, Brochetten zu essen und dabei den Hausrat ausreisender KollegInnen zu besichtigen. Weiterlesen

…. und Alltag

Ich selbst hatte die Große Freude, einige Tage mit meinem Mann verbringen zu können. Wir gönnten uns Familienbesuche, sind ausgegangen und haben Bamako erkundet. Dazu gehört als einer unserer Lieblingsplätze der Parc National, der aus dem ehemaligen botanischen Garten eine echte Attraktion gemacht hat, wo man sich locker einen ganzen Nachmittag aufhalten kann. Wunderbare alte Bäume, exotische Pflanzen, ein Heilkräutergarten, Waldlehrpfad und Trimmpfade sind auf einem riesigen Gelände wirklich wunderbar angelegt. Dazwischen kleine Restaurants und Pavillions und Spielplätze für die vielen Kinder. Der Eintritt kostet für Malier 75 ct, gleichwohl sind immer viele viele Familien dort, machen Picknick, spielen mit den Kindern und genießen die frische Luft, die durch die Bäume gefiltert ist.
Dann haben wir noch eine Lieblingsplatz am Fluß Niger, das Hotel Bamako Plage, wo man direkt am Flußufer sitzen und köstlich essen kann. Zugegeben, etwas teuer, aber von guter Qualität und so ein Abend am Fluß hat halt auch was.
Die Rückfahrt nach Bandiagara war strapaziös für Hamidou, der Bus blieb liegen, ca. 100 km hinter Bamako – nun ja und ich darf ja die Stadt nicht verlassen, also konnte ich ihn auch nicht abholen. Aber gegen 17.00 h kam ein anderer Wagen und morgens dann kam er in Mopti an.
Ich bin jetzt noch mal umgezogen, das Haus liegt nahe am Fluß und ich werde mich jetzt gelegentlich mal aufraffen, da wenig spazieren zu gehen. Noch teile ich das Haus mit der Vormieterin, aber sie geht Ende nächster Woche nach Vietnam.
Gestern haben wir uns einen schönen Abend mit allen GIZ-ED-KollegInnen gegönnt, Bier, Brochetten und Bouletten und viel Gemüse mit Dips – das tut dann auch mal gut, einfach zu plaudern und einen gemeinsamen Abend zu genießen. Es sind ja einige so wie ich zurück gekehrt, andere haben neue Perspektiven für sich und ihre Familien, die haben wir dann gestern auch verabschiedet, denn sie kamen her, um ihre Haushalte aufzulösen. Vielleicht gelingt es ja im einen oder anderen Fall in Kontakt zu bleiben.

… das wirkliche Leben

In den Geberkreisen in Bamako, rsp. in deutschen Zusammenhängen, wird die schwierige Ernährungslage im Land offenbar nur am Rande wahrgenommen. Dabei spielen womöglich der Stolz der Malier, die niemals zugeben würden, dass ihre Töpfe leer sind (das impliziert nämlich das Totalversagen des Familienoberhauptes) mit den exklusiven Lebensbedingungen der in Bamako ansässigen „Ex-pats“ sich gegenseitig in die Hände. Für uns (Weiße) ist in Bamako alles erhältlich und erschwinglich, also wo ist die Versorgungskrise?
Sie ist dort, wo Menschen seit Monaten kein Einkommen mehr haben, weil sie im Tourismus, im Handel, in den kleinen Manufakturen, die jetzt ihre Kundschaft verloren haben, tätig waren. Davon abgesehen, finden lokale Märkte, die ja dringend auf Aufträge angewiesen sind, nur noch selten Berücksichtigung. Hilfslieferungen, Einrichtungen und Einsatzmaterial wird über internationale Ausschreibungen beschafft – also keine Chance für den lokalen Markt.
Auch viele der „guten Geister“ die die Entsandten von Hilfsorganisationen, Geberstrukturen und Botschaften umsorgt haben, haben keinen „Patron“ mehr, denn viele Ex-Pats wurden zurückbeordert, Selbst die oft sehr gut qualifizierten MitarbeiterInnen von Nichtregierungsorganisationen und Hilfseinrichtungen sind in hoher Zahl arbeitslos. Bildungszentren wurden geschlossen, Gesundheitsprojekte herunter gefahren und die Projekte auf Eis gelegt – die Entwicklungshilfe vieler Länder suspendiert.
Dies hat fatale Folgen für die Diskussion im Land, erste Stimmen werden hörbar, die behaupten, im Norden sei es – trotz Charia – besser, es herrsche Ruhe und Ordnung und die Bevölkerung werde durch die Islamisten versorgt. Ein typischer Propagandaschachzug von dort: Ein Interview mit MUJAO (eine der Besatzertruppen), die behaupten, es ginge den Leuten viel besser als vor der Besetzung, da kein Strom und Wasser bezahlt werden müsse und auch der Handel mit Algerien und Mauretanien prima liefe.
In den Grenzregionen leiden alle unter dem Flüchtlingsstrom, die Vorsorgung der Menschen läuft schleppend und oftmals offenbar ohne Beteiligung der lokalen Autoritäten. Das führt zu Ungerechtigkeiten oder auch nur zum Eindruck davon und dafür ist man hier extrem sensibel. Denn auf den Listen der UN-Hilfslieferungen stehen nur die Menschen, die in Lagern sind, Familien, die ihrerseits Flüchtlinge aufnehmen, die sich aber nicht registrieren lassen (können), gehen leer aus. Inzwischen soll in dieser Hinsicht nachgebessert worden sein.

Politik …

Anfang September erfolgte (endlich?) die offizielle Anfrage Malis an die ECOWAS, ob es möglich sei, Truppen in den Norden zu entsenden, um die territoriale Integrität wieder herzustellen. Wie von Geisterhand, werden kurz danach die Waffen, die Mali noch zu ATT (Expräsident) Zeiten geordert hatte und die in den Häfen der Nachbarlänger blockiert waren, frei gegeben.
Ende September findet die UNO Vollversammlung in New York statt, vorgeschaltet war eine Sonderkonferenz zu Situation im Sahel. Unter Leitung des AA (Auswärtiges Amt), das derzeit Präsident des Sicherheitsrates ist, wurde diskutiert, wie man der terroristischen Bedrohung in der Region Herr werden könne.
Der malische Premierminister Diarra reiste nach New York, um das Anliegen Malis auch dort der internationalen Gemeinschaft nahe zu bringen und um Unterstützung zu bitten. Der franz. Präsident Hollande sagt organisatorische und ideelle Unterstützung zu, mehr sei aber aus der EU nicht zu erwarten. Die USA geben zu bedenken, genau wie Ban Ki Moon (UNO-Präsident), dass ein Krieg hohe Risiken birgt und dass Mali vor einer internationalen Intervention bestimmte Bedingungen erfüllen müsse, so z.B. die Vorbereitung demokratischer Wahlen. (Dies ist aus unserer Sicht derzeit unmöglich)
Anfang Oktober gab es eine weitere Sonderkonferenz zum Sahel, das Ergebnis derzeit noch unbekannt.
Amerikaner lassen den Drohneneinsatz im Norden von Mali technisch und juristisch Prüfen.
Der islamische Dachverband Malis (HCI) hat eine Stellungnahme zur Scharia erarbeitet und fordert die Besatzer zu Verhandlungen darüber auf. Nach Auffassung des HCI sieht der Koran Verstümmelungen bei Diebstählen und sonstige öffentlichen Züchtigungen nicht vor, der Rest der Scharia Einführung sei verhandelbar. Es sei dem HCI in 2011 auch ohne Waffengewalt gelungen, die Code Civil in Mali zu gestalten, wie es weitestgehend islamischen Vorstellungen entspricht. Ein Sprecher von Mujao erklärt sich zu Verhandlungen mit den „islamischen Brüdern“ im Süden von Mali bereit, dafür müssten sie jedoch nach „AZAOUAD“ kommen (der im Norden ausgerufene Staat).
Eine Versammlung der Zivilgesellschaft Anfang Oktober offenbart die Spaltung in der malischen Bevölkerung. Während die Delegierten aus dem Norden dringend Hilfe und Unterstützung anfordern, wehren sich andere Kreise gegen eine externe Intervention und wieder andere wollen diskutieren, ob nicht die Scharia die bessere Lösung sei.
Die EU berät, ob sie Militärexperten entsendet, um die malische Armee zu schulen (Schritt 1 der Szenarien in der Broschüre „Sicherheit oder Aufrüstung – die EU Kooperation in Afrika, Hrsg. Sabine Lösung, MdEP, Brüssel, S. 14).
Mir kommt es vor, als wolle man nochmal probieren, was schon z.B. im Kongo, in Somalia und in Afganistan nicht geklappt hat.
Armes Mali!

Mali im Umbruch – listen to the people!

Dies ist das neue Mali-Tagebuch „Mali im Umbruch – listen to the people“, das im September 2012 beginnt.

Genau heute vor 7 Jahren, im September 2005 reiste ich das erste Mal mit dem Deutschen Entwicklungsdienst (ded) nach Mali aus. Das Tagebuch von 2005 bis 2012 findet sich weiterhin unter www.gabriele-riedl.de. Es war gekennzeichnet von den neuen Erfahrungen, die ich in dieser Zeit in Bandiagara, einem kleinen Städtchen im Dogonland, am Weltkulturerbe „Falaise de Bandiagara“ gelegen, machen durfte.

Kurz vor meiner Rückkehr nach Deutschland 2008 habe ich in Ouagadougou (Burkina Faso) meinen heutigen Mann, Hamidou Kassogué kennen gelernt. Wir haben im Februar 2009 religiös und im Januar 2010 nach malischem Recht im Rathaus von Bandiagara geheiratet. Da war unser Haus fast fertig. Die Endabnahme des Hauses war im Februar 2012. Im März war auch die Einrichtung fertig – wir hofften auf eine Fortsetzung des friedlichen, tätigen und gleichwohl ruhigen Lebens, das wir im November 2011 dort gemeinsam begonnen hatten.
Ich hatte das große Glück, dass ich zu dieser Zeit für die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) wieder eine Arbeit aufnehmen konnte – und zwar genau in Bandiagara, im dortigen Rathaus. Das war eine wirklich gute Zeit – leider war sie nur kurz.
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Vor der Ausreise 2011 habe ich immer gesagt: „Hoffentlich kriegen sie Ghaddafi bald, sonst macht mir dieser Krieg noch meinen Mali Aufenthalt kaputt.“ Hätte ich damals geahnt, wie sich das bewahrheiten würde …. Ghaddafi ist nicht mehr, aber die Folgen des Krieges gegen ihn haben nicht vor allem mich, sondern vor allem Mali und seine Bevölkerung kalt erwischt. Hätte mir damals jemand gesagt, was inzwischen passiert ist, ich hätte es nicht geglaubt. Und damit bin ich nicht allein. Selbst langjährige Sahara-Mali-KennerInnen sind bestürzt und erschüttert.

Am 21. März 2012 gab es hier in Mali einen Militärputsch. Hintergrund war nicht zu letzt die Unfähigkeit der malischen Regierung, die Probleme im Norden des Landes in den Griff zu bekommen. Heute weiß man, dass Präsident Toure (ATT) und seine Nomenklatur das Land nur durch Kooperation mit den dort operierenden Mafiabanden und den Geldern aus Lybien zusammen halten konnte. Auch war er offenbar in der Lage, die Geberländer über das wahre Ausmaß von Korruption und Vetternwirtschaft im Unklaren zu lassen. Demokratie als potemkinsches Dorf? Vielleicht aber auch verstärkter Rohstoffhunger von Geberseite, von China, Indien, den Schwellenländern?
Mit dem Ende des Lybien-Krieges kehrten zahlreiche Tuareg, die als Söldner dort gearbeitet hatten, nach Mali zurück. Statt wie in den Nachbarländern, die Grenzen strenger zu überwachen oder gar ganz dicht zu machen, ließ man sie – mitsamt ihren Waffen, ihrem Geld und ihrem nicht mehr vorhandenen Sozialverhalten, einreisen bzw. überwachte die Grenzen nicht in erforderlicher Weise. Im Gegenteil, eine Delegation von Ex-Ghaddafi Kämpfern wurde in Bamako empfangen und mit viel Geld wieder nach Norden geschickt. Verbunden mit der Bitte, sich doch wieder ins Land zu integrieren. Mag sein, dass das verfangen hätte, wenn es nicht überwiegend Leute gewesen wären, die in den letzten Jahren nur Kriegshandwerk verrichtet hatten. Solche, die vielleicht noch Reste von „Cousinage“ und Sozialverhalten hatten, es mag sie unter ihnen geben, konnten sich nicht durchsetzen. Stattdessen eilten sie ihren Brüdern, den Tuareg Rebellen, die schon seit 50 Jahren um eine Autonomie der Region kämpfen, zu Hilfe.
Diese hatten inzwischen noch andere Helfer gewonnen: AQMI, den mauretanischen Zweig von Al-Quaida, der nach einem neuen Operationsraum suchte – und natürlich die üblichen Banditen, die seit Jahrzehnten ihre üblen Geschäfte (Waffen, Drogen, Menschenhandel) in der Region betrieben haben. Sie fürchteten um ihre Pfründe, wenn sie nicht mehr mit ATT Absprachen treffen konnten.
Und so kam es, dass ca. 4 Wochen vor eigentlich anstehenden Wahlen, Mali, das afrikanische Musterland in Sachen Demokratie, wie ein Kartenhaus zusammen brach.

Zeugen des Geschehens versichern immer wieder, es sei eher Zufall gewesen, dass es einen Militärputsch gab.
Im Ergebnis sind derzeit 2/3 des malischen Staatsgebietes von Islamisten unterschiedlicher Herkunft, Banditen aller Art und Teilen der Tuareg Rebellen besetzt. Die Islamisten versuchen das Sharia Recht durchzusetzen, nicht nur das, sondern auch die Zerstörung von wichtiger Infrastruktur (Krankenhäuser, Schulen, Heuschreckenbekämpfungsstationen etc.), das militarisierte Klima, Menschenrechtsverletzungen aller Art (Vergewaltigungen, Übergriffe auf Kleingewerbetreibende, auf Andersgläubige, Anheuern von Kindersoldaten, Verbot von Musik, Tanz, Filmen etc. pp.) haben zu einer Fluchtwelle geführt. Ca. 350.000 der ehemals 1,2 Mio. BewohnerInnen der Regionen Kidal, Gao und Timbouctou sind auf der Flucht. Sie gingen Richtung Süden, ins alte Mali, wo sie von ihren ebenfalls armen Familien aufgenommen wurden oder in die Nachbarländer Mauretanien, Algerien, Niger und Burkina Faso, allesamt – bis vielleicht auf Algerien, das aber zügig seine Grenzen dicht gemacht hat – nicht besonders wohlhabend. Die UNO begleitet selbst in Mopti inzwischen ein großes Flüchtlingslager.
Die malische Armee wurde nach Mopti zusammengerufen, allein in Bandiagara sind 200 Soldaten stationiert, was in so einem kleinen Ort ziemlich viel ist. 20 von ihnen verbringen regelmäßig ihre Mittagspause im Hof unseres Hauses, ihr Posten ist nur ca. 150 m entfernt – unser Haus liegt an der Straße nach Norden, ca. 200 km bis Douentza, das kürzlich von den Besatzern überrannt wurde. …

Ich musste Mali Anfang April 2012 auf Weisung von GIZ, BMZ und Auswärtigem Amt verlassen. Auch über diese Zeit berichtet das alte Tagebuch noch.

Ende August konnte ich wieder einreisen und finde meine Befürchtungen auf eine andere Weise bestätigt als erwartet: ich fürchtete mich vor einem militarisierten Land, einer Hauptstadt Bamako, in der an jeder Ecke ein Militärposten nach den Papieren und nach Bakschisch (Schmiergeld) fragt – nichts dergleichen ist der Fall.
Dennoch bin ich ein anderes Land zurückgekehrt – den MalierInnen war es in der Vergangenheit gelungen, die durchaus prekäre Ernährungssituation durch Teilen und gutes Organisieren zu kaschieren. Nun sind die Preise für Grundnahrungsmittel fast auf europäisches Niveau gestiegen, die Einkommen aber keineswegs, im Gegenteil, diejenigen, die in der Vergangenheit wenigstens während der Touristensaison noch etwas verdient haben, haben nun gar nichts mehr. Auch viele MitarbeiterInnen von Hilfsorganisationen, Entwicklungsprojekten, Nichtregierungsorganisationen etc. sind aufgrund des Rückzugs der Geberländer arbeitslos geworden.
Es gibt also faktisch nichts zum Teilen mehr – so ist inzwischen sicht- und spürbar, dass viele Menschen eindeutig zu wenig zu essen haben. Das beschäftigt mich mehr als alles andere. Hamidou bestätigt mir das, er sagt, dass es viele wichtige und tolle Projekte gab und gibt, dass aber derzeit das Wichtigste ist, Nahrung zu beschaffen. Auf keinen Fall darf man die Menschen darauf ansprechen, jede/r ist viel zu stolz, zuzugeben, dass eine adäquate Versorgung der Familie nicht mehr möglich ist. Also gilt es zu teilen.

Nach Bandiagara kann ich verläufig gar nicht mehr, das liegt in der „Roten Zone“ – gerade kürzlich wurde die Kriegskasse der Besatzer im Norden mit Geldern aus der Entführung von EuropäerInnen wieder „aufgefüllt“, also kann ich dort aufgrund meiner Hautfarbe derzeit nicht hin. Ich brächte nicht nur mich, sondern auch Hamidou und unsere Familie dort in Gefahr. So schwer es fällt, es ist vernünftig, hier in Bamako zu bleiben. Die GIZ hat für mich eine Stelle beim Dachverband der malischen Zivilgesellschaft, das wird sicher eine spannende Aufgabe.
Hamidou kommt mich regelmäßig besuchen, er ist ja jetzt Rentner, so dass er Zeit hat und Familie und Haus in Bandiagara gleichwohl nicht vernachlässigen muss.

Tja und so bin ich sicher, dass mein Mali Tagebuch eine Zäsur verträgt und begrüße alle alten und neuen LeserInnen ganz herzlich!

Der neue Titel „Mali im Umbruch – listen to the people“ soll der veränderten Situation Rechnung tragen und ich werde versuchen, die bewährte Mischung aus persönlichen Eindrücken und politischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Fakten aufrecht zu erhalten. Neu sind die Rubriken „Projekte im Dogonland“, links zu direkten Hilfsprojekten und „wirtschaftliche Rahmendaten“ – auch werde ich spannende Dokumente zur Entwicklung in Afrika im Allgemeinen und zu Mali im Besonderen einstellen.

Ich hoffe sehr, dass trotz der nunmehr zwangsläufigen Krisenberichterstattung Ihr/Euer Interesse nicht erlahmt.
Ich freue mich über Rückmeldungen unter meiner persönlichen mailadresse.

Gleichwohl: Spannende Lektüre!